Im Gedenken

Veröffentlicht am 18.11.2018 in Abgeordnete

Rede zum Volkstrauertag 2018

An der Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft auf dem Vorwerker Friedhof gedachten wir  der Opfer aller Völker. Gerade in Zeiten weltweiter Krisen stellt sich die Frage, wie wir Kriege beenden und Konflikte lösen können. Ein geeintes Europa hat eine herausragende Bedeutung für die Erhaltung der Friedens in unserem Land.

Meine Rede finden Sie hier

Liebe Genossinnen und Genossen, liebe Bürgerinnen und Bürger,

wir begehen heute den Volkstrauertag zum Gedenken an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Wie in jedem Jahr haben wir uns hier zu einer gemeinsamen Gedenkfeier des DGB, des SPD Kreisverbandes Lübeck und der SPD Bürgerschaftsfraktion zusammengefunden.

Der Volkstrauertag wurde 1919 durch den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge zum Gedenken an die Gefallenen des ersten Weltkriegs eingeführt.

100 Jahre sind seit Ende des 1. Weltkrieg vergangen. Der erste Weltkrieg war ein immenser Vernichtungskrieg. Erstmals setzte man Giftgas als Massenvernichtungswaffe ein. 17 Millionen Todesopfer und 20 Millionen verwundete Soldaten waren zu beklagen. Hunger und Elend trieb die Menschen zur Revolte.

Doch für die Kriegstreiber war dieses Ende nicht freiwillig. Gerade die bürgerlichen Offiziere fühlten sich um ihren Krieg betrogen. Hatten sie doch im Krieg Privilegien und Macht genossen, die ihnen im zivilen Leben nicht zuerkannt wurden. So wurde der erste Weltkrieg zu einem Nährboden für Faschismus und Nationalsozialismus. Er führte zu einem noch viel grausameren zweiten Weltkrieg.

Kriege gereiche niemandem zu Ehre. Krieg ist das Furchtbarste, was man einer Zivilisation antun kann. Im Krieg zählt die Menschenwürde nichts. Krieg verändert Menschen. Er macht sie nicht zu Helden, sondern zu Opfern. Das zeigt der Blick in die Welt, auf Konflikte, Völkermord und Terrorismus.

Der heutige Volkstrauertag kann Anstoß geben, unsere Eltern, unsere Groß- oder Urgroßeltern zu fragen, wie ist es ihnen im Krieg ergangen ist. Noch gibt es sie, die Zeitzeugen, die aus erster Hand vom Leid des letzten Weltkriegs erzählen können.

Verlust und Todesgefahr, Flucht und Vertreibung sind auch nach so langer Zeit nicht vergessen. Viele aus der Generation der damaligen Kriegskinder haben seelische Narben davongetragen, mit denen sie, bewusst oder unbewusst, bis heute kämpfen.

So kündigte mein Vater vor wenigen Wochen eine Reise nach Polen an, zu Stationen seiner Kindheit. Mit Verwunderung hörte ich zum ersten Mal, dass mein Vater als Kind in den letzten Kriegsjahren von Stettin nach Schneidemühl evakuiert war. Von diesem Teil seines Lebens hat er vorher nie erzählt. Auf Nachfragen gab es auch diesmal keine Antwort.

Ein Blick in Fluchtberichte lässt mich ahnen, was bis heute nicht ausgesprochen werden soll. In ihrem Roman „Altes Land“ beschreibt die Autorin Dörte Hansen auf sehr berührende Weise, welch schreckliche Erlebnisse eine Kinderseele auf der Flucht verarbeiten musste. Die Kleinsten starben zuerst. Kinder mussten ihre Geschwister, ihre Freunde am Wegesrand zurücklassen.

Was mag mein Vater erlebt haben? Welche Erinnerungen verfolgen diese Generation? 

Millionen Deutsche erlebten nach dem Zweiten Weltkrieg Flucht, Vertreibung, Zwangsumsiedlung und Deportation. In Lübeck fanden Viele eine neue Heimat. Auch heute haben Gewalt und Unterdrückung weltweit eine nie gekannte Wanderbewegung in Gang gesetzt. Erschreckende Bilder aus Kriegsgebieten auf der ganzen Welt erreichen uns jeden Tag. Einige Geflüchtete erhoffen sich nun bei uns auf ein Leben in Frieden. Menschen, die vor Krieg und gewaltsamen Übergriffen in ihrer Heimat geflohen sind.

Wir fragen uns: Wie sicher ist Deutschland, ist Europa noch? Wie dicht dran sind wir an erneuter Gewaltherrschaft? Wir müssen derzeit feststellen, wie labil Frieden sein kann. Waren wir in den letzten Jahren zu selbstsicher und zufrieden, weil Kriege so weit weg waren?

Unübersehbar ist die Zahl derer, die sich in der heutigen Politik nicht mehr wiederfinden, die sich missverstanden finden, die die Komplexität und Widersprüchlichkeit im Regierungshandeln nicht verstehen.

Wir sehen auf der ganzen Welt die wachsende Macht von Demoskopen, die nicht anders als 1933 agieren. Sie schaffen mit polemischen Aufrufen, die Massen anzuziehen und sie zu beeinflussen. Wir sehen, wie viele ohne nachzudenken denjenigen nachlaufen und huldigen, die ihnen alles Erdenkliche versprechen. Sind Menschen, die sich Gedanken machen, die dies differenzierter denken, so langsam in der Minderheit?

Der Frieden in Europa ist derzeit ein höchst fragiles Gut. Wir beobachten, dass sich unsere Welt gerade auf dem Weg macht, einen Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. In Aufmärschen klingt wieder Kriegsgebrüll. Was treibt diese Menschen zum Ruf nach Bürgerkrieg? Menschen, die Krieg nur aus Filmen kennen? Die nur Frieden kennen? Was treibt Menschen dazu, sich nach Verlust seiner Liebsten, nach Verlust seines Lebens, seiner Kraft zu sehnen? Ist es das Gefühl der Macht, einer Übermacht, die ihnen im täglichen Leben nicht zuerkannt wir? Welchen Einfluss haben die Medien mit ihrer brutalen Berichterstattung? Welche Verantwortung haben wir?

Heute ist Volkstrauertag.

Vor zwei Wochen haben wir einen Lübecker zum Schleswig-Holsteinischen Spitzenkandidaten für die Europawahl gekürt. Europawahl - was hat das mit dem Volkstrauertag zu tun?  - Ein vereintes Europa war und ist ein Garant für Frieden.

Frieden? Frieden war für uns immer eine Selbstverständlichkeit. Spätestens bei der Abstimmung zum Ausscheiden Großbritanniens wurde klar, wie gefährdet diese Selbstverständlichkeit inzwischen ist.

In Lübeck setzen sich Bürgerinnen und Bürger auf ganz unterschiedliche Weise für Frieden, Toleranz und Völkerverständigung in einem geeinten Europa ein. Ihr Engagement ist so wichtig, weil es die Menschen miteinander ins Gespräch bringt. Nur im Dialog wird Geschichte lebendig, kann Trennendes überwunden werden. Treten wir aktiv denjenigen entgegnen, die das Gedankengut des 3. Reiches wieder salonfähig machen wollen.

Den Frieden zu wahren und zu verteidigen, ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Europa in seiner Einheit, politisch, wirtschaftlich und kulturell ist hierauf die einzige logische Antwort.

Liebe Genossinnen und Genossen, liebe Bürgerinnen und Bürger, ich bitte Euch und Sie, nun mit mir der Toten zu gedenken:

Wir gedenken heute der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft.

Wir gedenken der 17 Millionen Toten des ersten Weltkrieges.

Wir gedenken der über 50 Millionen Toten des zweiten Weltkrieges.

Wir gedenken der Menschen aller Völker, die durch Kriegshandlungen oder in Gefangenschaft, als Vertriebene oder Flüchtlinge ihr Leben verloren.

Wir gedenken derer, die wegen ihrer Religion oder ihrer politischen Überzeugung verfolgt und getötet wurden.

Wir gedenken der verfolgten, vergewaltigten und misshandelten Frauen und Kinder dieser Welt.

Wir gedenken der über 70 Millionen Flüchtlinge dieser Zeit.

Verharren wir nun in einer Minute des Schweigens.

Vielen Dank!